„Ich warte darauf gesehen zu werden.“ „Nun, das habe ich getan“, sage ich. Zugegeben etwas schnippisch. Aber bitte schön. Ich habe dutzende Pakete unter dem Arm, finde meinen Schlüssel nicht, das Handy klingelt und sowieso bin ich spät dran. Wie jedes Jahr.
Doch da geschieht etwas Merkwürdiges. Der kleine Engel zu meinen Füßen auf der regennassen Straße streckt mir seine winzigkleine Hand entgegen. Und er sagt nur ein einziges Wort: „Komm.“
Ich hocke mich auf die Straße und ergreife die kleine Hand. Sie ist ganz weich, ganz zart und so warm. Und dann geschieht es.
Ich rieche Tannennadeln. Orangen. Wunderkerzenduft. Ich höre das Klingeln kleiner Glocken. Mein Herz schlägt wie wild. Ich bin wieder ein Kind. Klein. So klein, dass ich noch nicht einmal an die Türklinke der Wohnzimmertür komme. Ich stelle mich auf Zehenspitzen, lege meine Hand auf die goldene Türklinke und öffne die Wohnzimmertür für einen Spalt. Ich sehe etwa vorüber fliegen, ein kühler Windzug und das große Wohnzimmerfenster wird geschlossen. „Das Christkind“, denke ich. „Ich habe das Christkind gesehen.“ Da öffnete sich die Tür zu dem alten Wohnzimmer meiner Kindheit ganz. Ich sehe den strahlenden Weihnachtsbaum. Die glitzernden Wunderkerzen, die an seinen Zweigen hängen. Ich höre meine Eltern und meine Schwester singen. Ich gehe zum Wohnzimmerfenster, doch eigentlich brauche ich nicht nachsehen. Ich weiß, in dem Schnee auf der Fensterbank werde ich kleine Fußabdrücke finde, silbrig glänzendes Christkindhaar und eine weiße Engelsfeder. Das Christkind war da. Es war wirklich da.
Und alles andere ist auch wieder da. Diese Freude. Die Geborgenheit. Und das Gefühl, alles ist für immer gut.
Da stehe ich wieder auf der regennassen Straße mitten in Osnabrücker Altstadt und ich habe einen Engel auf der Hand. „Danke, Engelchen, dass du gekommen bist.“ „Ja, Märchenerzählerin, es wurde wieder Zeit. Du hättest mich fast übersehen.“
Und der kleine Engel hat Recht. Fast wäre es untergegangen, dieses besondere Gefühl zu Weihnachten, untergegangen in Eile, Hektik, Stress. Untergegangen in 100 Fragen nach dem Woher und den Wohin. Untergegangen ist 100 Problemen von gestern und morgen. Doch jetzt ist alles wieder da. Die Freude. Die Geborgenheit. Und das Gefühl, alles ist für immer gut.
Denn eines ist gewiss: das Christkind gibt es wirklich. Ich glaube fest daran.



